Benken - Atomklo Hochrhein


Veröffentlicht am 15.08.2000 in der Kategorie Atomkraft von Axel Mayer

Benken - Atomklo Hochrhein



Sehr geehrte Damen und Herren,

beim Ortsnamen Gorleben denkt beinahe jeder an das geplante atomare Endlager in Norddeutschland, an Castortransporte und Widerstand gegen Atomanlagen.

Atommüll Info Schweiz
Schweizer Ortsnamen wie Würenlingen oder Benken dagegen sind in Baden-Württemberg beinahe unbekannt, obwohl dort, direkt vor unserer Tür, ein atomares Gefahrenpotential von Gorlebener Dimension entsteht. Es ist ein erstaunliches Phänomen: Über die atomaren End- und Zwischenlagerpläne im weit entfernten Norden der Republik berichten die Medien intensiv. Die Bedrohung direkt an der Grenze im Nachbarland aber wird viel weniger wahrgenommen, obwohl doch Radioaktivität keine Grenzen kennt und die neuen Gefahren direkt vor der Haustür liegen.

Die aktuellen Diskussionen um ein mögliches atomares Endlager im grenznahen Benken bei Schaffhausen (CH) sind Anlaß, Ihnen diese umfangreiche Hintergrundinformation zur journalistischen Verwertung zuzusenden.

Ansprechpartner: Axel Mayer, BUND-Regionalgeschäftsführer
hier: Alle Infos zum Thema Atommüll Schweiz
Hintergrundinformation

Zur Situation in der Schweiz


Vier der fünf Schweizer AKW's stehen in der Grenzregion am Hochrhein. In Würenlingen bei Waldshut arbeitet seit Jahrzehnten das größte Atomforschungszentrum der Schweiz, das jetzt durch ein atomares Zwischenlager für hochradioaktiven Müll, eine Castorhalle wie in Gorleben, ergänzt wurde. Dazu kommt in Würenlingen ein neuer Verbrennungsofen für radioaktiven Müll mit einem hohen Schornstein für radioaktive Abgase. Der "sehr großzügig", für mehr als Schweizer Kapazitäten, gebaute Plasmaofen wird der Region deutlich mehr radioaktive Emissionen bringen. Der BUND sieht die Gefahr, daß auch Atommüll aus anderen Ländern verbrannt werden soll. Zusätzlich sucht die Nationale Genossenschaft zur Lagerung radioaktiver Abfälle, NAGRA, nach einem Endlager für hochradioaktiven Müll im Grenzgebiet zwischen Bodensee und Basel. Die "Probe"bohrungen in Benken bei Schaffhausen am Rheinfall, fast direkt an der Grenze, wurden im Mai 1999 abgeschlossen. Das Schweizer Gorleben liegt am Hochrhein bei Schaffhausen.

Still und weitgehend unbeobachtet von der bundesdeutschen Öffentlichkeit werden diese Pläne realisiert. Informationen über die umstrittenen Planungen und den konkreten Widerstand in der Schweiz, über Aktionen von UmweltschützerInnen, kritische Volksabstimmungen und gelegentliche Grenzblockaden von BUND, Bürgerinitiativen und Schweizer Umweltgruppen dringen selten über die Lokalausgaben der Medien am Hochrhein hinaus.

Neue Durchsetzungsstrategien


Eine wichtige Lehre der AKW-Betreiber aus den Niederlagen in Sachen AKW Wyhl und Kaiseraugst (CH) war die Weiterentwicklung eines Forschungszweiges, der vor 25 Jahren noch in den Kinderschuhen steckte, der Akzeptanzforschung.

Die Hauptlehre aus Wyhl und Kaiseraugst für die atomaren End- und Zwischenlagerpläne in der Schweiz war die Atomisierung von Entscheidungsprozessen.

Immer wenn große, wichtige Entscheidungen anstanden, haben Umweltschützer und Medien den Fuß in die Tür bekommen. Die NAGRA hat das Prinzip der Salamitaktik perfektioniert. Seit der Gründung 1972 bereitet sie die Errichtung des atomaren Endlagers vor. Und seit 1972 werden Entscheidungsschritte in viele kleine Zwischenschritte aufgelöst. Ein großer Fehler von Wyhl und Kaiseraugst war auch die Konzentration auf einen einzigen Standort. Heute werden stets verschiedene Standorte für die Atomanlagen geschickt gegeneinander ausgespielt. Auch die Zeit der taktisch unklugen, politischen Hardliner ist vorbei. Filbinger war für die Bürgerinitiativen und BUND in Wyhl ein Traumgegner. Eine harte Konfrontation ala Filbinger, Wyhl und Kaiseraugst ist das Schlimmste, was den Betreibern heute passieren kann, denn sie wollen die gefährlichen Anlagen möglichst sanft durchsetzen. Harten Konflikten und der Konfrontationen wird ausgewichen.

Das Gestein bestimmt das Bewusstsein


Ein atomares Endlager im Granit, überdeckt von Sedimenten als zweite Sicherheitsbarierre, war das ursprüngliche Konzept der "Nationalen Genossenschaft zur Lagerung radioaktiver Abfälle" (NAGRA) in der Schweiz. Doch dann fand sich in der Schweiz, trotz intensiver Suche, keine geeignete Granitformation im Untergrund. Und so erlebten die UmweltschützerInnen auf beiden Seiten des Hochrheins, wie eine, sich selbst erhaltende Institution wie die NAGRA, nach dem Scheitern der Endlagerpläne im Granit, einen nachweislich immer ungeeigneteren Untergrund der Schweiz als ideale Endlagerstätte politisch verkauft. Aus dem ursprünglich geplanten Endlager im Granit wurde über Nacht die Sedimentoption. Ein Endlager für die gefährlichsten Gifte der Menschheit ist jetzt auch im Sediment (Opalinuston) möglich. Bei der NAGRA bestimmt das Gestein das Bewußtsein. Es wäre schlimm, wenn die Angst vor Arbeitsplatzverlust bei den NAGRA-MitarbeiterInnen dazu führen würde, daß in Benken ein ungeeignetes atomares Endlager entsteht. Aber Institutionen neigen stets dazu, sich selbst zu erhalten. In der Schweiz wird der Standort Benken als nationale Lösung des Atommüllproblems diskutiert. Für den BUND ist dieser Standort im Opalinuston, direkt an der Grenze, aber eine internationale Lösung, allerdings ohne Beteiligung der direkt betroffenen deutschen Nachbarn.

Die Rolle des Geldes


Geld spielt in Sachen Akzeptanzbeschaffung leider auch in der "Vorbilddemokratie" der Schweiz eine große Rolle. Was konnte in Baden-Württemberg der Bürgermeister von Nekkarwestheim mit dem vielen Geld aus dem AKW alles anfangen... Und im Entscheidungsprozeß für das atomare Zwischenlager in Würenlingen hat das viele Geld, das in die Gemeinde floß, eine nicht unerhebliche Rolle gespielt. Um eine Abstimmung in der kleinen Gemeinde Würenlingen zu gewinnen, waren die Betreiber des atomaren Zwischenlagers in Würenlingen bereit, über 25 Jahre jährlich 1,9 Millionen Franken zu zahlen. Es ist erschreckend mit welcher Selbstverständlichkeit die Medien und die Öffentlichkeit solche Zahlungen akzeptiert. Hierdurch hat bei vielen Umweltschützern das positive Bild von der direkten Demokratie in der Schweiz stark gelitten.

Gut, daß sich auch in Würenlingen und anderswo in der Region immer noch Menschen gegen die Gefahren wehren.

Kritik unerwünscht


Ungeliebt war, insbesondere im strukturkonservativen Aargau, in dem sich die Atomanlagen häufen und in dem auch die meisten "Beruhigungsgelder" fließen, auch stets die Kritik von außen, insbesondere, wenn sie aus dem "Großen Kanton", also aus Deutschland kam.

Globalisierung heißt in allen Ländern offene Türen für Geld und Investoren. Kritik aber sollte, im Gegensatz zur Radioaktivität, an den nationalen Grenzen halt machen. Eine grenzüberschreitende Beteiligung und Einsprachemöglichkeit ist nach Ansicht des BUND bei allen umweltgefährdenden Maßnahmen im Grenzgebiet unbedingt nötig.

Viel zu häufig aber steckt die Umweltbewegung mit dem Kopf noch in den "guten alten" Auseinandersetzungen der Vergangenheit und hat die Lehren, welche die Betreiberseite aus den damaligen Vorgängen gezogen hat (Greenwash, Akzeptanzforschung, neue Durchsetzungsstrategien ...) noch nicht realisiert.

Eine Unterstützung der Menschen am Hochrhein, durch die in Stuttgart regierenden Atomparteien, ist nicht zu erwarten ,denn eine atomare Krähe hackt der anderen kein Auge aus. So aber besteht die Gefahr, daß die NAGRA ihre ursprünglich formulierten Anforderungen an ein atomares Endlager mehr und mehr aufweicht und an die ungeeigneten geologischen Gegebenheiten der Schweiz anpaßt. Hinter unserem Rücken entsteht langsam aber sicher das Atomklo Hochrhein. Es besteht die Gefahr, daß Plutonium und die anderen, gefährlichsten und langlebigsten Gifte der Menschheit, bei Schaffhausen, in der Grenzregion am Hochrhein vergraben werden sollen.

Die Zusammenarbeit der UmweltschützerInnen und Umweltorganisationen über die nationalen Grenzen hinweg ist nötiger denn je. BUND-Gruppen und Bürgerinitiativen arbeiten am Hochrhein grenzüberschreitend eng zusammen. Umweltgefährdende Anlagen und Planungen in Europas Grenzregionen setzten stets die Beteiligung der Nachbarn voraus. Mehr als die Illusion von Beteiligung hat es bei den Schweizer Atommüllplanungen für die badischen Nachbarn aber nie gegeben.
Axel Mayer, BUND Regionalgeschäftsführer

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