Wachstum und Kritik: rechte und linke Wahlkampfmythen von SPD, CDU, CSU, FDP und GRÜNEN


Veröffentlicht am 05.09.2005 in der Kategorie Wachstumskritik von Axel Mayer

Wachstum und Kritik: rechte und linke Wahlkampfmythen von SPD, CDU, CSU, FDP und GRÜNEN



An die Medien / Politikredaktion / Umweltredaktion
Der Wahlkampf steuert mit Getöse seinem Höhepunkt entgegen.
Mit den wirklich drängenden Fragen und Problemen der Gegenwart und der Zukunft dieses Landes und der Welt haben manche der diskutierten Themen und insbesondere die angepriesenen Problemlösungsansätze wenig zu tun. In Sachen Ökologie, Energiepolitik und soziale Gerechtigkeit gibt es erfreuliche Unterschiede in den Parteiprogrammen, doch ein zentraler Aspekt zukunftsfähiger Politik bleibt fast überall außen vor.
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"Unbegrenztes Wachstum ist dauerhaft möglich
und die einzige Lösung aller Probleme" ist die nicht hinterfragte, zentrale Botschaft von FDP und CDU, aber auch fast aller anderen Parteien ans dankbare Publikum. Und in diesem unhinterfragten Mythos stimmen rechte wie linke Parteien und die Medien fast überein. Nur über die Wege zum Wachstum gibt es Konflikte.

Kopfrechnen
ist in Wahlkampfzeiten nicht angebracht. Doch bei einem anhaltenden Wachstum von 3% verdoppelt sich das Bruttosozialprodukt alle 23 Jahre, bei 5% sogar bereits alle 14 Jahre. Und eine Menge, die exponentiell wächst, vertausendfacht sich jeweils nach der zehnfachen Verdoppelungszeit.
Dauerhaftes exponentielles Wachstum einer Wirtschaft ist nicht möglich und führt zwangsläufig zur Selbstzerstörung. Wir brauchen also dringend andere Problemlösungsansätze, um die realen Probleme unseres Landes anzugehen.

Die aktuellen politischen Debatten
(nicht nur in Wahlkampfzeiten) werden innerhalb eines zutiefst zerstörerischen Logikkreises geführt. Die Politik gibt nicht etwa nur die falschen Antworten auf die drängenden Zukunftsfragen, viele der wichtigsten Fragen werden überhaupt nicht mehr gestellt.

Damit die Fragen der Nachhaltigkeit,
der Zukunftsfähigkeit und Ökologie nicht ganz unter die parteipolitischen Räder kommen, wurden im folgenden Diskussionspapier noch einmal einige Thesen zu Wachstum, Wachstumskritik und Nachhaltigkeit aus Sicht der Umweltbewegung zusammengefasst.

Es ist sicher nicht möglich,
Ökologie und Nachhaltigkeit zum großen Wahlkampfthema zu machen. Es ist aber wichtig, diese Themen und Fragen immer wieder, auch gegen den politisch publizistischen Mainstream, in die Debatte einzubringen und diejenigen (nicht nur in den Parteien) zu ermutigen, die zumindest mit Teilen dieser Kritik überein stimmen.

BUND Geschäftsführer, die nicht in den Bundestag gewählt werden müssen, können es sich auch noch erlauben, solche unbequemen Thesen in Wahlkampfzeiten zu verbreiten.

Wir bitten Sie um eine journalistische Verwertung des Textes. Wenn Sie dieser Brief nicht auch per Mail erreicht hat, dann fehlt evtl. Ihre Mailadresse in unserem Verteiler. Bitte informieren Sie uns.

Mit freundlichen Grüßen

Axel Mayer / Geschäftsführer




Wachstum & Zerstörung: Artensterben, Klimawandel, Atomunfälle...


Die Ursachen für das große Artensterben und für den Klimawandel sind vielfältig und doch lassen sie sich zu einem Bild zusammen fügen. Wir leben in einer Zeit der global organisierten Gier und einer Endzeit exponentiellen wirtschaftlichen Wachstums im begrenzten System Erde und verwandeln die vielfältige Welt in eine große einheitliche Fabrik. In eine Agrar-Fabrik, eine Fabrik-Fabrik, einer Konsum-Fabrik und eine Wohn-Fabrik in der zunehmend übersättigte Menschen immer unzufriedener werden.


Wachstum und Wachstumskritik / Unbegrenztes Wachstum zerstört begrenzte Systeme


Eine kurze Einführung in das Thema
Wieviel Prozent Wachstum
hätten Sie denn gerne? Fragen Sie einen Politiker von CDUFDPSPD und Sie werden vermutlich keinen finden, der nicht ein langfristiges Wachstum von mehr als 5% anstrebt. Mindestens 3% Wirtschaftswachstum seien nötig, um die Arbeitslosenzahlen zu senken. Vollbeschäftigung ließe sich frühestens ab 5% jährlichem Wachstum erreichen, werden Ihnen auch viele PolitikerInnen der GRÜNEN und der Demokratischen Linken vorrechnen.
Doch hinter solchen Aussagen,
Wahlkampfparolen, Wirtschaftsinteressen, Wünschen und Problemlösungsansätzen stehen unhinterfragte Mythen und der alte, zerstörerische Irrglaube, unbegrenztes Wachstum sei dauerhaft möglich.

Bei einem anhaltenden Wachstum von 3% verdoppelt sich das Bruttosozialprodukt alle 23 Jahre, bei 5% sogar bereits alle 14 Jahre. Und eine Menge, die exponentiell wächst, vertausendfacht sich jeweils nach der zehnfachen Verdoppelungszeit. Dauerhaftes exponentielles Wachstum einer Wirtschaft ist nicht möglich und führt zwangsläufig zur Selbstzerstörung. Als Problemlösungsansatz kann es langfristig und global nicht dienen. Durch die periodischen Kriege im Laufe der Menschheitsgeschichte wurde das bisherige Wachstum immer wieder unterbrochen. Es wäre anzustreben, die aktuellen Probleme ohne großen (und damit vermutlich letzten) Krieg in den Griff zu bekommen.
Immer wieder werden in der öffentlichen Debatte
andere Länder benannt, die ein stärkeres, "vorbildhaftes" Wachstum haben. Vor dem Jahr 1990 wurde Japan als das "große Vorbild" dargestellt. Die boomende japanische Wirtschaft wurde idealisiert und den deutschen Arbeitnehmern sagten Medien und Politik, sie sollten sich die Japaner endlich als Vorbild nehmen. Dann platzte 1990 in Japan (als Folge exponentiellen Wachstums) die Immobilienblase, die Börse ging in den Keller und von einem Tag auf den anderen war in Deutschland das "Vorbild Japan" kein Thema mehr. Aufgearbeitet wurde dieser Medienflopp nie. Und die Staatsverschuldung mancher Länder, die uns heute als Vorbild dienen sollen, ist für die Medien wieder kein Thema.

Unser Wirtschaftswachstum
ist immer noch nicht ganz abgekoppelt von einem erhöhten Energie- und Rohstoffverbrauch. Das Ende des Öl- und Uranzeitalters ist absehbar und wird durch den Export unseres Verschwendungssystems nach China und Indien noch verstärkt.
Deutlich wird dies u.a. durch die erkennbare Verknappung der fossilen Rohstoffe und damit aktuell beim Benzinpreis. Das weltweit knapper werdende Öl löst beim abhängigen Patienten Mensch klassische Suchtsymptome aus. Statt Energie zu sparen und Alternativen zu fördern, rufen wachstumsgläubige Politiker nach einer intensiveren Ölförderung und nach der noch härteren Energiedroge Atomenergie.

Die Umweltbewegung in Deutschland hat viel erreicht. Luft und Wasser sind tatsächlich sauberer geworden und auch sonst gab es viele Erfolge. Das bedeutet aber nicht mehr und nicht weniger, als dass die weltweiten Zerstörungsprozesse hier ein wenig langsamer ablaufen als anderswo. Immer noch gehören auch wir in Deutschland zum zumeist unzufrieden gehaltenen, kleinen "reichen" Teil der Menschheit, der aber den Großteil der Energie und Rohstoffe verschwendet und damit hauptsächlich für die weltweite Umweltverschmutzung verantwortlich ist.

Ein Teil des bisher "unterentwickelten" Rests der Welt
(insbesondere China und Indien) ist gerade gerade dabei, unser zerstörerisches Modell einer Raubbauwirtschaft nachzuahmen und zu einer ernstzunehmenden industriellen Konkurrenz zu werden. Der beginnende Autoboom in diesen Ländern wird in unseren Medien immer noch unkritisch bejubelt. Die Folgen dieses Booms für Ökologie und Weltklima sind kein Thema. Und ist es den Menschen in Asien zu verdenken, dass sie unserem schlechten Beispiel nacheifern?
Hundertfünfzig Jahre Industrialisierung
haben dazu geführt, dass die in vielen Millionen Jahren geschaffenen Energievorräte und die Rohstoffreserven der Welt zur Neige gehen und wir gleichzeitig u.a. mit Atommüll Gifte produziert haben, die über eine Million Jahre sicher gelagert werden müssen. Während sich bei uns in diesen 150 Jahren zumindest einige regulierende Gegenkräfte entwickelt haben (Gewerkschaften, Umweltbewegung, etc.) um die schlimmsten Folgen des krebsartigen Wachstums für die Menschen abzumildern, wuchern die Metastasen des Industriesystems in China, Indien und den so genannten "Tigerstaaten" ungehemmt, mit enormen Folgen für die Umwelt, die Sozialsysteme und die Menschen

die Prognosen des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums aus dem Jahr 1972 haben sich bisher nur zum Teil erfüllt. Doch zum damaligen Zeitpunkt waren die Wachstumsgesellschaften Indiens, Chinas und Südostasiens auch noch im Embrionalzustand. Jetzt, wo diese großen Märkte für ihr Wachstum immer mehr Energie und Rohstoffe verbrauchen, zeigt sich wie richtig die Thesen des Club of Rome waren.
Die Folgen unseres Handelns
sind weltweit nicht zu übersehen. Der CO2 Gehalt der Atmosphäre nimmt zu und das Weltklima verändert sich. Die so genannte friedliche Nutzung der Kernenergie gefährdet durch Unfälle, Terrorismusbedrohung und die Weiterverbreitung von Atomwaffen unsere Zukunft. Alles Wissen um Umweltfragen verhindert nicht den massiven Raubbau an den letzten Urwäldern der Erde und am beschleunigten Artensterben. Und die größer werdende Ungleichheit zwischen den Nationen und den Menschen verstärkt die Kriminalität und ergibt einen fruchtbaren Nährboden für Fundamentalismus und Terrorismus. Zur weltweiten Umweltzerstörung kommen im Zeitalter der Globalisierung ein zunehmend ungehemmter Konsumismus, eine Gefährdung der Demokratie u.a. durch die zunehmende politische Macht der Konzerne, soziale Ungerechtigkeit, Sozialabbau und eine verstärkte Innenweltverschmutzung. Habgier und Egoismus als gefördertes und gewünschtes Lebensmodell zerstört die Gesellschaft.

Das Denken des größten Teils der politischen Klasse, der Medien und auch der Menschen beruht auf Mythen und Illusionen:



Doch wenn unser System unbegrenzt wächst,

wenn weiterhin weltweit Energie, Rohstoffe und gesellschaftliche Reichtümer verschwendet werden, dann stellt sich nicht die Frage, ob das System kollabieren könnte, sondern nur noch die Frage, wann dieser Crash kommt. Woher sollen Rohstoffe und Energie kommen, wenn sich der American Way of Life weltweit verbreitet? Wer soll all die Produkte kaufen, wenn unsere Produktivität sich weltweit verbreitet? Und sind die Menschen, die heute den so genannten "hohen "Lebensstandard" haben, tatsächlich zufrieden und glücklich, oder wachsen t mit zunehmendem Wohlstand nicht sogar Habgier und Unzufriedenheit?

Das Wachstum im Bereich der Alternativen Energien,
gehört zu den wenigen hoffnungsvollen Zeichen der Zeit. Von 1995 bis 2005 haben sich die Preise für atomar-fossile Energien mehr als verdoppelt, während sie sich für erneuerbare Energien halbiert haben. Windstrom ist global die am schnellsten expandierende Energienutzung. In der EU gingen im Jahr 2005 alle zwei Monate 1000 MW neue Windenergie ans Netz. In Kilowatt (Leistung) entspricht dies einem neuen AKW Gösgen (CH), in Kilowattstunden (Produktion) wird damit ein Atomreaktor der Grösse Beznau(CH) ersetzt - und dies alle 60 Tage. Und genau dieses positive Wachstum der zukunftsfähigen Energien wird von den Anhängern der atomar-fossilen Energiegewinnung massiv bekämpft.

Wir haben Technologien und Waffen enwickelt
(Atomenergie, Bereiche der Gentechnik, Atom- und Biowaffen), welche die Zukunft der Menschheit bedrohen. Gleichzeitig zeigen aber manche Fortschritte, nicht nur bei Sonnen- und Windenergie, dass der technische Fortschritt dem Menschen auch nützen kann. Nicht alle Rationalisierungtechnologien schaffen Probleme. Mit der heute verfügbaren Technik, mit der Produktion von reparaturfähigen, langlebigen Produkten könnten wir, größtenteils befreit von stupiden Tätigkeiten, ein "gutes" Leben führen. "Gut leben statt viel haben" muss der heutigen "Ich kaufe, also bin ich"- Ideologie entgegengesetzt werden. Das bedeutet weniger bezahlte Erwerbsarbeit und die gerechtere Verteilung des durch die Rationalisierung zurückgehenden Arbeitspensums auf mehr Menschen. Weniger Arbeit und gleichzeitig mehr Lohn und Konsum wird es dann aber nicht geben. Das aktuelle Motto auch der politischen Linken: "Leute, kauft mehr kurzlebigen Scheiß, um die Wirtschaft anzukurbeln" ist kurzsichtig und zerstörerisch. Es kann auch nicht angehen hohe Löhne beziehen zu wollen und gleichzeitig am liebsten billige Produkte zu kaufen, die unter Sklavenhalterbedingungen in den armen Ländern produziert wurden.
Nur wenn es uns gelingt
mit einem wesentlich verringerten Input von Energie und Rohstoffen ein gutes Leben zu führen, könnten auch die Länder des Südens an den Reichtümern der Welt gleichberechtigt teilhaben. Ohne einen gleichberechtigten Zugang aller Menschen zu den Ressourcen der Welt, ohne Abrüstung, Demokratie und Menschenrechte gibt es keine nachhaltige Zukunft.

Die schwierigste Zukunftsaufgabe der Umweltbewegung
wird es sein, aufzuzeigen, dass unbegrenztes Wachstum begrenzte Systeme zerstört. "Gut leben statt viel haben" ist die Zukunftsdevise. Es gilt, eine tatsächlich nachhaltige Entwicklung einzuleiten und Wege für ein gutes, nachhaltiges Leben aufzuzeigen. Die größten Einschränkungen auf diesem Weg, sind die ökonomischen Widerstände und die Tatsache, dass dieser zukunftsfähige Weg Vernunft und ein massives Umdenken voraussetzt.

Axel Mayer


Übersicht 2020: Wachstum, Wachstumskritik, Grenzen des Wachstums, Wirtschaftswachstum, Krise und Ursachen der Krise auf Mitwelt.org

Sehenswert:


Der Film "System Error" zeigt die Welt des Kapitalismus und die selbstzerstörerischen Zwänge des Systems.

Weltweit steigender Ressourcenverbrauch treibt Klimawandel und Artenverlust
Seit 1970 hat sich der Abbau von Rohstoffen mehr als verdreifacht. Geht es so weiter, wird sich der Ressourcenverbrauch bis 2060 auf 190 Milliarden Tonnen pro Jahr verdoppelt haben – und damit werden die Treibhausgasemissionen um 43 Prozent steigen. Denn Abbau und Verarbeitung von Materialien, Brennstoffen und Nahrungsmitteln verursachen die Hälfte der globalen Treibhausgasemissionen und über 90 Prozent des Verlusts an biologischer Vielfalt und Belastung der Gewässer. Mit seinem neuen Prognosebericht fordert die UN politische Maßnahmen zu einer rohstoffschonenden, ressourceneffizienten, zirkulären Wirtschaft. Quelle: .factory-magazin




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