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Sandoz Unfall 1986 - Fortschritt und Rückschritt:


Sandoz Unfall 1986 - Fortschritt und Rückschritt:



Als am 1. November 1986 in Schweizerhalle bei Basel die Chemiefabrik von Sandoz brannte und das Ökosystem des Rheins vom Löschwasser "chemisch gereinigt" wurde, war der Oberrhein besonders stark betroffen. Tonnen toter Fische trieben den Fluss hinunter und am Oberrhein gab es auch vielfältige Protestaktionen, vom "Rheintribunal" in Auggen bis zu einer Menschenkette entlang des Flusses. Durch die vorausgegangene Katastrophe in Tschernobyl war die Bevölkerung sensibilisiert.

20 Jahre nach dem Sandoz-Unfall gibt es Fortschritte und Rückschritte am Rhein. Der Fluss ist tatsächlich in manchen Bereichen wesentlich sauberer geworden und die Wasserqualität hat sich verbessert. Nachdem im Jahr 2005, nach 50 Jahren, erstmals wieder Lachslaich in der Kinzig gefunden wurde, gab es 2006 nach über 100 Jahren den ersten Lachslaich in der Murg. Wenn das Symboltier Lachs in seine alten Heimatgewässer zurückkehrt, wenn Menschen wieder in Bächen und Flüssen baden können, dann hat das auch mit den Lehren (und Geld) aus dem Sandoz-Unfall zu tun. Es ist aber auch ein Ergebnis der Arbeit der Umweltverbände in den letzten Jahrzehnten.

Erkennbare Fortschritte machte auch der grenzüberschreitende Katastrophenschutz. Zumindest bei Unfällen kleiner und mittlerer Größe bringt der neue Katastrophenschutz Verbesserungen.

Dennoch fehlen in der aktuellen Berichterstattung zum Sandozunfall viele wichtige Aspekte und die Fortschritte werden häufig zu optimistisch dargestellt.

Wie berichtet wird, ist die Chemie (insbesondere in Basel) tatsächlich sicherer geworden. Ob sie tatsächlich "sicher" ist, ist eine andere Frage.
Das Problem der Chemie- und Atomindustrie ist zumeist nicht eine Wiederholung vergangener Unfälle. Das Problem sind neue, unbekannte Unfallszenarien, mit denen im Vorfeld weder die Betreiber noch die Kritiker gerechnet haben.

Vergessen und verdrängt wird beispielsweise der Chemieunfall und die Explosion in Toulouse vom 21. September 2001. Damals kam es in einer Düngemittelfabrik zur Explosion von Ammoniumnitrat. Bei der Explosion wurden große Teile der Stadt beschädigt. 31 Menschen starben.

Es gibt auch noch veraltete Chemieanlagen und Unfälle am Rhein. Ein Beispiel dafür ist die gravierende Grundwasserverschmutzung vom Jahreswechsel 2002 – 2003 bei der Rhodia in Chalampé gegenüber von Neuenburg. Unbemerkt (!) war damals die unglaubliche Menge von 1200 Tonnen (!) Cyclohexan "ausgetreten" und teilweise ins Grundwasser versickert. Ein Funke hätte bei dieser Firma, in der auch große Mengen Blausäure verarbeitet werden, zur Katastrophe für Mensch und Rhein führen können. Das öffentliche Interesse an aktuellen Ereignissen und der Druck der Umweltbewegung sind heute aber wesentlich geringer als vor 20 Jahren. Dies zeigt sich auch im skandalösen Rhodia - Urteil im Jahr 2006. Nur 7500 Euro Bußgeld für 1200 Tonnen Cyclohexan im Grundwasser muss die Firma Rhodia in Chalampé jetzt zahlen. In der Öffentlichkeit hat dieses skandalöse Urteil fast keine Reaktionen ausgelöst.
Wo der öffentliche Druck nachlässt, wird auch die Sicherheit kleiner.

Auch die schweizer und deutschen Atomkraftwerke am Rhein und seinen Zuflüssen sind seit der Sandozkatastrophe durch Alterung, Materialverschleiß und Versprödung der Reaktordruckgefäße nicht sicherer sondern unsicherer geworden.

Eine zukünftige Gefahr für den Rhein ist das in Benken (CH) geplante Atommülllager. Nahe am Rhein, in einer viel zu dünnen Schicht Opalinuston, sollen die gefährlichsten Gifte für eine Million Jahre gelagert werden.

Die Öffentlichkeitsarbeit und die Katastrophenkommunikation der Konzerne hat sich durch die Unfälle bei Sandoz, in Tschernobyl, Bhopal und Harrisburg verändert. Nicht mehr die Katastrophe und der große Unfall sind das Problem der Konzerne, sondern die auf den Unfall folgende "Krisenkommunikation". Spezialisierte PR-Unternehmen stehen bei Katastrophen aller Art als mediale Kriseninterventionskräfte bereit und arbeiten äußerst wirksam.

Nach dem Sandozunfall hat die Umweltbewegung die chemische Vergiftung unserer Gewässer und des Rheins erfolgreich bekämpft, die Gesetze wurden verschärft und die Gifteinleitungen in vielen Bereichen verringert.

Dabei wurde die thermische und radiologische Belastung der Flüsse ein wenig aus den Augen verloren. Das französische AKW Fessenheim hat keine Kühltürme und setzt zu hundert Prozent auf die, für EDF und EnBW profitable, für den Rhein im Sommer aber verheerende Flusswasserkühlung. Laut Arrêté préfectorale vom 26.05.1972 darf der Rhein bis auf 30 Grad aufgeheizt werden. Wenn alle Kraftwerke am Rhein auf Kühltürme verzichtet hätten, dann wäre der Rhein biologisch tot. Zusätzlich zur Erwärmung des Rheins kommt noch die radioaktive Verschmutzung. Alle Atomkraftwerke belasten auch im so genannten Normalbetrieb die Flüsse mit radioaktivem Tritium.

Sandoz und andere Katastrophen haben auch einen sehr makaberen "Erfolg" gebracht. Im Rahmen der Globalisierung sind viele besonders umweltbelastende und gefährliche Industrie- und Chemieanlagen auch in arme Länder mit geringeren Umweltauflagen exportiert worden. Unfälle wie der bei Sandoz gibt es auch heute noch. Am Yangste und an anderen Flüssen der dritten Welt und in den "Tigerstaaten", wo die Umweltgesetze schlechter sind und ein Menschenleben zumindest aus ökonomischer Sicht weniger zählt...

Axel Mayer / Geschäftsführer





Hier geht´s zu dem Video "Des Volkes Stimme | Chemisch gereinigt – Menschenkette gegen die Rheinvergiftung"














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Axel Mayer

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Dieser Artikel wurde 777 mal gelesen und am 17.3.2019 zuletzt geändert.